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Nichts hat Dauer, nichts bleibt, wie es war.

„Alles fließt“, πάντα ῥεῖ. Natürlich übersetzten wir als Pennäler Panta rei mit alles schäumt, kippten das bekannte Waschmittel in den Springbrunnen vor dem Rathaus und fühlten uns großartig. Natürlich war es eine göttliche Schweinerei und das „Bäumchen-Blatt“ als Vertreter der örtlichen Presse regte sich mächtig auf. Natürlich waren wir aber auch nur Epigonen. Der Gag war in die Jahre kommen und wir sollten auch in die Jahre kommen.

Epikur lobt die vernünftige Einsicht, die alles mit nüchterner Verständigkeit überprüft und zur Seelenruhe führt. Die Stoiker müssen sich damals die Augen gerieben haben ob der Sprachverwandtschaft.  Seneca argumentiert: „Wer volle Einsicht besitzt, beherrscht sich selbst; wer sich selbst beherrscht, bleibt sich gleich; wer sich gleich bleibt, ist ungestört; wer ungestört ist, ist frei von Betrübnis; wer frei von Betrübnis ist, ist glücklich: also ist der Einsichtige glücklich, und die Einsicht genügt zum glücklichen Leben.“

Dies ist eine Haltung, die wir im Zen genauso finden können wie bei Meister Eckart. Weder Sehnsucht noch Abneigung, also eine Haltung, die uns aus der als schicksalhaft empfundenen Getriebenheit, der Abhängigkeit, der Fremdbestimmtheit herauslöst und uns somit aus der kleinmütige Sichtweise und  dem beengenden Blickwinkel befreit. Was kann mir noch Angst machen, wenn ich mich in diesen Tugenden der Freiheit von Leidenschaften (Apathie),  der seelischen Unstörbarkeit (Ataraxie) und der heiteren Stille des Herzens (Galene) ständig übe. So reflektiert einst Marc Aurel, als römischer Kaiser immerhin für 20 Jahre der mächtigste Mensch seiner Zeit, den ständigen Wandel, die unablässige Veränderung und die Auflösung und Entstehung aller Welten.

„Alles bewegt sich fort und nichts bleibt“, kommentiert Platon Heraklits Aussage: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.“  Johann Wolfgang Goethe macht  ein Gedicht daraus:

Eins und Alles

„Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar stehts Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.“

Und Gregor von Rezzori erzählt in seinen köstlichen Maghrebinischen Geschichten :

Der Großkhan hatte befohlen, alle Bücher seines Reiches zusammenzutragen. Es waren zwanzigtausend Kamellasten. Als der Großkhan diesen ungeheuren Berg von Wälzern sah, gab er seinen Gelehrten den Auftrag, alle Weisheit, die in ihnen enthalten wäre, in einem Buche aufzuzeichnen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, und eines Tages traten sie vor den Großkhan und überreichten ihm das Buch. Der Großkhan wog das Buch in seiner Hand und befahl den Gelehrten, alle Weisheit dieses Buches in einen Satz zu fassen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, aber soviel sie auch von ihrer Weisheit und Gelehrsamkeit darauf verwendeten, sie mussten verzweifeln. Sie bekannten es dem Großkhan, und er ließ sie alle köpfen. Darauf befahl er, in allen Provinzen, Städten, Marktflecken, Konaks und Jurten seines Landes bekannt zu machen, dass er jeden Schriftgelehrten töten lassen werde, bis nicht einer von ihnen imstande wäre, ihm den Satz zu sagen – einen Satz nämlich, der eine Weisheit enthalte, welche zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit, in allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die größte Einsicht und weiseste Tröstung enthalte. Jahre vergingen, und die Schriftgelehrten starben unter den Schwertern der Henker wie die Stallfliegen bei Frost. Davon hörte ein Asket, der in der Einsamkeit auf einer Säule lebte, und er stieg nieder von seiner Säule und begab sich vor den Herrn der Erde.

„Weißt du den Satz“, so fragte ihn der Großkhan, „in dem alle Weisheit dieser Erde enthalten ist, so dass sie bei jeglicher Gelegenheit und immer, unter allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die tiefste Einsicht und tröstlichste Tröstung ist?“

„Ich weiß ihn“, erwiderte der Asket.

„So sage ihn!“ befahl der Großkhan.

Darauf antwortete der Asket: „Auch dieses wird vergehen.“