Silvester 2019 | individuatio

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Silvester 2019

Ihr Lieben,

es ist mal wieder der tradierte Zeitpunkt erreicht, Bilanz zu ziehen, sich Rechenschaft abzulegen. Ob es der rechte Zeitpunkt ist? Ja, warum nicht! In einem gefühlt linearen Zeitpfeil gelebten Lebens werden immer wieder Momente des Innehaltens, des Sich-klar-Werdens, des Klärens erfolgen, spätestens wenn sie uns in den Wechselfällen des Lebens aufgezwungen werden. Das intellektuelle Raffinement des Menschen im Erfinden der zyklischen Zeit trägt dem Rechnung.

Also auf! Ein Frohes Neues Jahr uns Allen! Das ist ein wohl löblicher Wunsch. Ein Glückliches Neues Jahr!? Da tut sich neben dem Ausruf ein Fragezeichen auf: Noch mehr Glück!? Endlich mal Glück, liebes Schicksal!?
Ist der Mensch nicht selbst Schmied seines Glückes? Fortuna ist blind, wusste schon Cicero. Die Polarität von Schicksalsglaube und Machbarkeitswahn zeigt sich in „zwei konträren Erfahrungen: zum einen die Erfahrung, dass dem eigenen Leben vieles schicksalshaft vorgegeben ist und man auch während des Lebens von vielem schicksalshaft bestimmt wird, zum anderen die Erfahrung, dass sich das eigene Leben trotzdem nicht von selber lebt, sondern dass man es selber übernehmen und führen muss, was auch dann gilt, wenn der Spielraum für ein selbstbestimmtes Machen klein ist“ (A. Holzhey-Kunz).

Wie frei ist also der Mensch in seinen Spielräumen? Was verbirgt sich hinter dem Wort „Freiheit“? Keine Angst! Wir werden jetzt kein Fass aufmachen, schon weil wir es in Kürze gar nicht fassen könnten. Im schnoddrigen Ton der Welt, in der wir leben, in der „Ich-bin-so-frei-Welt“ meinen wir damit schlicht und einfach, nach Lust und Laune agieren zu können. In einer solchen Freiheit bleiben wir allerdings Sklaven unseres vergleichenden, bewertenden und urteilenden Denkens. Wir übersehen, dass wir nicht den „Dingen“ begegnen, sondern uns den „Meinungen über die Dinge“ ausliefern (Epiktet). Und diesen Meinungen geben wir Raum, viel Raum. Wenn unseren Konzepten, unseren unreflektierten Gefühlen und Impulsen dieser Raum nicht im gewünschten oder ersehnten Maß zu Verfügung steht, fühlen wir uns eingeengt, geht es uns nicht gut, fühlen wir uns unglücklich. Dann beginnt die Jagd nach dem Glück und wir übersehen wieder und wieder, dass die Meinungsfalle des Glücklich-Sein-Wollens über den Weg des Frei-Sein-Müssens genau das Gegenteil bewirkt. Ist der banale Schlagerrefrain „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“ gar nicht so banal?

Wenn wir frei wären vom Freisein-Müssen, könnte auch das Glücklich-Sein-Wollen aufhören. Wir könnten in der Gegenwärtigkeit gerade dieses uns bewusstwerdenden Augenblicks die großartige Fülle der Gegebenheiten erkennen. Das wäre Hingabe. Schlicht und einfach und lebendig und gelingend.

Ein Neues Jahr voller Neugier für den Augenblick wünscht

Euer Hanswerner Herber