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Selig die Armen im Geiste…

Gern gebrauchte Redewendung, wenn man (über) jemanden mitteilen möchte, dass er gerade mächtig dummes Zeug von sich gegeben hat.

Was aber bedeutet dieser Passus aus der Bergpredigt (Mt. 5,3)?
„…denn ihrer ist das Himmelreich“, so geht der Satz weiter. Nun mag jeder zum Himmelreich stehen wie er will, aber mal angenommen, wir werden konkret gefragt, was wäre die Antwort?

Seien wir ehrlich: Wie so vieles, mit dem wir groß geworden sind, man hat es gehört, nicht weiter nachgefragt, womöglich sowieso nur unzureichende Antworten bekommen, hat den Kontext längst vergessen, kommt nie so recht dazu mal wieder nachzulesen, wüsste vielleicht gar nicht wo, und beschließt, dass es wohl auch gar nicht so wichtig ist.

Nun, ich wurde kürzlich in einer multikulturellen Runde mit dieser Frage konfrontiert, stotterte rum, hatte plötzlich das Wort Demut im Kopf und errichtete ein Konstrukt, das, wäre es begehbar, umgehend (sic!) mit dem Hinweisschild „Betreten auf eigene Gefahr“ versehen werden müsste.

Wieder zuhause habe ich dann nach den Seligpreisungen gesucht. Acht der neun Aussagen bereiteten mir im Darüberhinlesen keine Schwierigkeiten. Aber mit den Armen im Geiste blieb ich auf Kriegsfuß. Also machte ich mich auf den Kriegspfad und suchte nach Übersetzungen. Das lateinische beati pauperes spiritu brachte nichts zum Klingen. Aber für das griechische hoi ptochoi to pneumati musste ich nach meinem alten „Gemoll“ (altgr. Wörterbuch) greifen. Tatsächlich heißt ptochos (πτωχός) (bettel)arm und – jetzt kommt´s –  das leitet sich her von (ptosso) der sich duckt und bückt. Soweit so gut, die Haltung, die ein Bettler einnimmt, ob aus Not oder Geschäftssinn…

Wenn damit ein Verbeugen gemeint ist? Ein Verbeugen vor dem Geist(igen)? Mit der Bereitschaft  nicht mit fertigen Meinungen und Urteilen an die Dinge heranzugehen, sondern offen zu sein für eine erweiterte Schau der Dinge? Mit anderen Worten: ich (ver)beuge mich vor einer Kraft, die im Ganzen wirkt, auch wenn oder gerade weil ich sie nicht erfassen kann, statt in die Arroganz und Ignoranz der Mächtigen zu gehen, die ihr scheinbares Wissen als Diktum missbrauchen.

Reiche und Mächtige verbeugen sich nicht.

„Ein armer Mensch ist der, der nichts will.
Soll der Mensch Armut haben in Wahrheit,
so muss er ledig da stehn von seinem eigenen Willen,
wie er es war, als er noch nicht war. (Meister Eckhart)

In dem Sinne bedeutet Individuation eben auch sich von seinem „falschen“ Wollen zu verabschieden, arm zu werden im Geist.

Hanswerner Herber