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Seelenspaltung

Franz von Stuck - Die Sünde

Die abendländische Bewußtseinsentwicklung hat sich unter der Dimension des männlichen vollzogen.

Alles was sich im Streben des Mannes nach Macht über Körperlichkeit und Natur, nach Autonomie und Freiheit, nach Todesüberwindung und Dauerhaftmachung des ICH, nach Erkenntnis Bewußtseinserweiterung in ihm selbst hemmend und hindernd, entgegenstellte, wurde dabei -–wie bei aller Sündenbockpsychologie – nach außen verlagert, auf das Fremde und Andere projiziert.

Dieses Fremde und Andere aber war in vielen Fällen die Frau, das „andere“ Geschlecht. Aufgrund der Identifizierung des Mannes mit dem Ichbewußtsein, mit dem Denken und aktiven Handeln, vermutete  er alle die ihm eigenen unbewußten Seiten, seine Trägheit und Faulheit, seine Dummheit und Intoleranz, seine Abhängigkeit von Natur und Körperlichkeit, seine Triebhaftigkeit und Sinnlichkeit, seinen Egoismus, seinen Neid und seine Gier bei den Frauen oder als von den Frauen verursacht.

In der Projektion auf die Frau begegnete der Mann seinem eigenen unbekannten Wesen, und er lehnte es ab, weil es seine Größenvorstellungen von Allmacht und Allwissen, von Unabhängigkeit und ewigem Andauern seiner Existenz in Frage stellte. Auf diese Weise konnte das Weibliche für ihn zum Inbegriffe alles Niederen, Sündigen, Schlechten, Verführerischen und Minderwertigen werden.

Aber dies ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Aufgrund der Unbewußtheit sich selbst gegenüber projizierte der Mann nicht nur seine dunklen Schattenseiten auf die Frau, sondern auch jene ungelebten Aspekte seines Wesens, nach denen er sich zutiefst sehnte, die er aber in seiner Bewußtseins- und Denkwelt nicht finden konnte: Einfühlung, Verständnis, Geborgenheit, Liebe, Schönheit, Harmonie, Einheit und Transzendenz.

So wurde die Frau für ihn durch unbewußte Projektion zum höchsten Ziel und zum ärgsten Feind, zum Heiligsten und Sündigsten, zum Faszinierendsten und Abstoßendsten zugleich. Diese Widersprüchlichkeit und Paradoxie bestimmt auch heute noch in hohem Maße die Beziehung des Mannes zur Frau.

Lutz Müller