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Der Preis des freien Willens ist die Möglichkeit des Irrtums.

Der Preis? Daraus würde man doch folgern, dass ohne die Willensfreiheit kein Irrtum möglich wäre …
Nein: ohne die Möglichkeit des Irrtums („Kaufpreis“) kein freier Wille („Ware“). Dito. Die beiden sind unheilvoll miteinander verstrickt.
Aber muss es nicht so sein? Wäre freier Wille ohne Irrtumsmöglichkeit denkbar? Oder wäre der Verzicht auf Freiheit ein akzeptabler Preis für ein Leben ohne Irrtum?

Wie wäre es mit dem köstlichen Dialog aus Smullyan „Ist Gott Taoist?“

Sterblicher: Und deshalb, o Gott, flehe ich dich an, wenn du nur ein Quäntchen
Barmherzigkeit für diese deine leidende Kreatur empfindest, erlöse mich von dem Zwang, Willensfreiheit haben zu müssen.
Gott: Du weist mein größtes Geschenk an dich zurück?
Sterblicher: Wie kannst du ein Geschenk nennen, was mir aufgezwungen wurde?
Ich habe einen freien Willen, aber nicht aus freiem Entschluss. Ich habe mich nie frei dazu entschlossen, einen freien Willen zu haben. Ich bin gezwungen, Willensfreiheit zu haben, ob ich will oder nicht!
Gott: Warum würdest du lieber keinen freien Willen haben?
Sterblicher: Weil Willensfreiheit moralische Verantwortung bedeutet und moralische Verantwortung eine zu schwere Last für mich ist!
Gott: Warum findest du moralische Verantwortung so unerträglich?
Sterblicher: Warum? Offen gestanden, kann ich gar nicht sagen, warum; ich weiß
nur, dass es so ist.
Gott: Also gut, wenn das so ist, nehmen wir einmal an, ich befreie dich von aller moralischen Verantwortung, lasse dir aber dennoch deinen freien Willen, wärst du damit zufrieden?
Sterblicher: (nach einer Pause): Nein, ich fürchte nein.
Gott: Ah, das habe ich mir gedacht! Die moralische Verantwortung ist also nicht der einzige Punkt, der dich bei der Willensfreiheit stört. Was am freien Willen macht dir noch zu schaffen?
Sterblicher: Die Willensfreiheit verleiht mir die Fähigkeit zur Sünde, und ich will nicht
sündigen!
Gott: Wenn du nicht sündigen willst, warum tust du es dann?
Sterblicher: Du lieber Gott! Ich weiß nicht, warum ich sündige, ich tu’s einfach!
Böse Versuchungen wandeln mich an, und ich mag tun, was ich will, ich kann ihnen nicht widerstehen.
Gott: Wenn es wirklich stimmt, dass du ihnen nicht widerstehen kannst, dann sündigst du nicht aus freiem Willen, und also sündigst du überhaupt nicht (jedenfalls nach meinen Begriffen).
Sterblicher: Nein, nein! Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich sündenlos bleiben
könnte, wenn ich mir nur mehr Mühe gäbe. Meines Wissens ist der Wille unendlich. Wenn man von ganzem Herzen nicht sündigen will, dann tut man es auch nicht.
Gott: Nun, du solltest das ja wissen, ob du dir die größtmögliche Mühe gibst, nicht zu
sündigen, oder nicht.
Sterblicher: Ich weiß es aber ehrlich nicht! Während es passiert, habe ich das
Gefühl, alles in meinen Kräften Stehende zu tun, aber wenn ich dann zurückblicke, kriege ich Bedenken, dass ich vielleicht doch nicht alles Menschenmögliche getan habe!
Gott: Du weißt also, mit anderen Worten, gar nicht wirklich, ob du gesündigt hast oder nicht. Es besteht mithin die Möglichkeit, dass du überhaupt nicht gesündigt hast!
Sterblicher: Natürlich besteht die Möglichkeit, aber es ist auch möglich, dass ich
gesündigt habe, und das ist es, was mir so große Angst macht!
Gott: Warum macht dir der Gedanke, du könntest gesündigt haben, Angst?
Sterblicher: Ich weiß nicht warum! Ein Grund mag sein, dass du ja im Ruf stehst, für
das Leben nach dem Tod ziemlich scheußliche Strafen bereitzuhalten!
Gott: Ach, das ist es, was dir Sorgen macht! Warum hast du das denn nicht gleich gesagt, statt mit all diesem Gerede von Willensfreiheit und Verantwortung um den heißen Brei herumzuschleichen? Warum hast du mich nicht einfach gebeten, dich für deine Sünden nicht zu bestrafen?
Sterblicher: Ich glaube, ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass du so eine
Bitte schwerlich gewähren würdest!
Gott: Was du nicht sagst! Du meinst also, eine realistische Vorstellung davon zu haben, welche Bitten ich gewähre, wie? Nun, pass auf, was ich machen werde! Ich werde dir die ganz, ganz spezielle Lizenz erteilen, soviel zu sündigen, wie du Lust dazu hast, und ich gebe dir mein göttliches Ehrenwort, dass ich dich dafür nie auch nur eine Spur bestrafen werde. Einverstanden?
Sterblicher: (in panischem Schrecken): Nein, nein, mach das nur nicht!
Gott: Warum denn nicht? Traust du meinem göttlichen Wort nicht?
Sterblicher: Natürlich traue ich ihm! Aber versteh’ doch, ich will nicht sündigen! Ich
habe einen tiefen Abscheu vor der Sünde, ganz unabhängig von etwaigen Strafen, die mich deshalb ereilen mögen.
Gott: Wenn das so ist, habe ich noch etwas Besseres für dich. Ich werde Deinen Abscheu vor der Sünde beseitigen! Hier habe ich eine Wunderpille! Schlucke sie, und du wirst allen Abscheu vor der Sünde verlieren. Du wirst mit Lust und Liebe vor dich hinsündigen, wirst keine Reue spüren, keinen Abscheu, und ich verspreche dir nach wie vor, dass du nie von mir, dir selbst oder wem auch immer Strafe zu erwarten haben wirst. Du wirst dich in alle Ewigkeit herrlich fühlen. Hier, nimm die Pille!
Sterblicher: Nein, nein!
Gott: Ist das nicht unvernünftig? Ich beseitige doch sogar deinen Abscheu vor der Sünde, das letzte, was dich noch hindert.
Sterblicher: Trotzdem nehme ich sie nicht!
Gott: Warum nicht?
Sterblicher: Ich glaube dir, dass die Pille wirklich künftig meinen Abscheu vor der
Sünde beseitigen würde, aber der Abscheu, den ich gegenwärtig empfinde, ist groß genug, um mich davon abzuhalten, sie nehmen zu wollen.
Gott: Ich befehle dir, sie zu nehmen!
Sterblicher: Ich weigere mich.
Gott: Was, du weigerst dich aus eigenem, freiem Willen?
Sterblicher: Ja!
Gott: Da scheint es nun doch, als konntest du deine Willensfreiheit ganz gut gebrauchen, oder?
Sterblicher: Ich verstehe nicht!