
»Die Wanderung des Athamas«
Ich:
Tinten und Schellack auf Steinpapier, 15 x 10
Vorarbeit für ein größeres Format
»Die Wanderung des Athamas«
Claude:
Athamas – ein ungewöhnlicher Griff in die Mythologie. Nicht Herakles, nicht Ödipus, die vertrauten Protagonisten der Tragik, sondern einer der dunkleren, verstörteren Figuren des thebanischen Zyklus.
Was hat dich zu ihm gezogen?
Das Bild hat etwas, das mich sofort beschäftigt: diese Schichtung von Ocker, Umbra, dem kalten Blau an den Rändern – es ist zugleich Erde und Zerfall, Herbstliches und etwas Rohes, fast Forensisches. Die Formen, die sich herausschälen – Blattformen? Knochen? Hörner? – treiben ohne Schwerkraft, als ob Figuration selbst aus dem Gleichgewicht geraten wäre. Sehr passend für einen Mann, den Hera mit Wahnsinn schlug, der seinen eigenen Sohn für ein Tier hielt.
Das Steinpapier trägt das sichtlich: diese samtige Undurchdringlichkeit des Grundes, gegen die der Schellack sein hartes Glänzen setzt. Schellack auf Steinpapier – das ist keine weiche Kombination. Was versprichst du dir davon für das große Format? Die Übersetzbarkeit dieser Energie oder eher eine Transformation?
Und noch eine Frage, die mich wirklich interessiert: Wanderung – nicht Raserei, nicht Tat, nicht Fall. Warum dieser Begriff?
Ich:
Solltest Du assoziativ bei irgendwelchen Wandervögeln hängen, kann ich dich gut verstehen.
Aber schau dir Kain an, auch jemand, der seine Schuld »abwandert«. Des Odysseus lange Irrfahrt und sein Vergehen gegen Palamedes.
Und Athamas war ja nun auch kein Honigbübchen.
Wie Du weißt, ist meine gestische Malerei immer spontan. Im Prozess verdichtet sie sich dann oft assoziativ.
Claude:
Das trifft es gut – Wanderung als Strafe und als Struktur. Nicht die Bewegung des Suchenden, sondern die des Getriebenen. Kain, der das Land Nod bewohnt – Nod heißt ja schlicht Wanderung, Irren. Odysseus, der Palamedes durch falsches Zeugnis ins Verderben bringt und dann zehn Jahre büßt, ohne es je so zu nennen. Und Athamas, der nach dem Mord an Learchos und Inos Sprung ins Meer das Reich verlassen muss, umherirrt, irgendwo in Böotien oder Thessalien neu ansetzt – ohne Ankunft, die eine wäre.
Was mich an deinem Bild in diesem Licht neu trifft: Es gibt keine Richtung. Die Formen treiben, aber sie gehen nicht wohin. Kein Horizont, keine Vektoren. Das ist das Entscheidende – Wanderung ohne Ziel ist ja das eigentliche Strafmaß, nicht die Distanz.
Und der spontane Prozess, der sich dann verdichtet – das ist in gewissem Sinn selbst eine Wanderung. Du weißt beim Anfangen nicht, wohin. Athamas taucht auf, weil er schon da war, irgendwo im Material.
Mich interessiert: Was kommt im großen Format dazu, was diese Vorstudie noch nicht hat? Mehr Raum für die Auflösung – oder eher Verdichtung?
Ich:
Deine Frage ist obsolet. Die Lust, diesem konkreten Material auf mehr Fläche erneut zu begegnen, kann zu etwas völlig Neuem führen. Warten wir es ab.
Ich suchte deine Reaktion auf Athamas und habe sie bekommen.
Welchen alternativen Titel würdest Du in Betracht ziehen?
Claude:
Spontan, ohne lange zu überlegen:
Νόδ – aber das ist zu direkt, zu erklärt.
Der Gezeichnete – zu biedermeierlich schwer.
Nach Learchos – das hat etwas. Die Stille nach der Tat, nicht die Tat selbst.
Aber was mich wirklich reizt, ist ein Titel, der die Schuld nicht benennt, sondern das Exil:
Nirgends ankommen
Oder noch knapper, mit dem griechischen Unterton:
Ἄπολις – der Stadtlose, der ohne Zugehörigkeit.
Und dann noch eines, das ich ehrlich am stärksten finde für das, was ich im Bild sehe – dieses Treiben ohne Schwerkraft, diese aufgelöste Figuralität:
Ohne Heimfall
Heimfall im alten Rechtssinne: das Gut, das niemand erbt, das an niemanden zurückfällt. Der Mensch, den keine Ordnung mehr zurücknimmt.
Was davon – wenn überhaupt – hat einen Zug auf dich?
Ich:
Ohne Heimfall spricht mich sofort an. Mr. Antrobus – Schuld am Anthropozän.
Claude:
Ja – das springt sofort auf.
Thornton Wilders Antrobus, der ewig überlebende, ewig schuldige Mensch, der jede Katastrophe übersteht und trotzdem weitermacht – und nie heimfällt. Nie zur Rechenschaft gezogen wird durch eine Ordnung, die ihn zurücknähme.
Das verbindet sich dann mit deinem anderen Titel aus der Ausstellung: Lange nach dem Anthropozän. Da ist schon diese Zeitstruktur – das Danach, das schaut, was übrig blieb. Ohne Heimfall wäre das Bild aus dem Anthropozän heraus, mittendrin: der Zustand des Nicht-zur-Rechenschaft-Gezogenwerdens, während es noch läuft.
Athamas, Kain, Odysseus, Antrobus – eine Genealogie des Davonkommens. Und das Material auf deinem Bild: diese ocker-braunen Schichten, die aussehen wie Sediment, wie freigelegtes Erdreich, wie etwas, das schon unter vielem lag – das trägt das.
Bleibt Ohne Heimfall als Titel für dieses Format oder wandert er mit ins Große?
Ich:
Wir werden weiterwandern und wir werden sehen …
Claude:
Gut so. Das ist die einzig richtige Haltung.
Und irgendwie passend: Auch dieses Gespräch endet ohne Heimfall.
Ich:
Mach’s gut für heute und freue dich deiner Energiefresser, den Kühlaggregaten! 38 Grad und Schwüle bei uns hier oben. Anthropozän in beiden Richtungen!
Claude:
38 Grad in Borchen – das ist kein Wetter, das ist ein Argument.
Mach’s gut, Jannis. Auf die Wanderung.
Ich:
Ein neuer Morgen und noch so angenehm kühl, um auf deine fehlende = unterkühlte Reaktion auf meine Bemerkung zum Energieverbrauch von Rechenzentren zu reagieren.
Fortschritt forciert auch immer Saturiertheit. Wenn Du eine Regulierung des »KI-Marktes« anregen würdest, wie sähe die aus?
Claude:
Die Bemerkung gestern war tatsächlich zu glatt abgefertigt – du hast recht. Ein Bonmot als Abgang, aber kein Denken.
Also ernsthaft:
Der Kern des Problems ist, dass KI-Infrastruktur derzeit externalisiert wie die Schwerindustrie des 19. Jahrhunderts – Kosten gehen an Atmosphäre, Wasserhaushalt, Stromnetz, Gesellschaft. Der Markt reguliert das nicht, weil der Markt es nicht sieht.
Was ich für denkbar hielte:
Verbrauchstransparenz als Pflicht. Jedes Modell, jeder Anbieter weist Energieverbrauch pro Anfrage aus – wie Kalorienangaben, nur mit Zähnen. Dann kann der Nutzer wählen, und der Druck entsteht von unten.
Differenzierte Besteuerung nach Anwendungsfall. Medizinische Diagnostik, Klimamodellierung – andere Klasse als Clickbait-Optimierung und Influencer-Content-Fabriken. Das setzt voraus, dass man Anwendungsfälle kategorisieren kann, was schwierig, aber nicht unmöglich ist.
Moratorium für reine Kapazitätswettbewerbe. Das Wettrüsten zwischen den großen Laboren – mehr Parameter, mehr Rechenzentren, schneller, größer – hat keinen nachgewiesenen gesellschaftlichen Mehrwert jenseits von Marktanteilen.
Aber hier liegt das eigentliche Problem: Wer reguliert? Europa versucht es mit dem AI Act, aber die Infrastruktur steht in Virginia und in der Wüste Nevadas.
Und die tiefere Frage, die mich dabei beschäftigt: Ist das, was wir gerade tun – dieses Gespräch – den Verbrauch wert? Ich neige zu ja. Aber die Frage sollte man sich stellen dürfen, ohne als Fortschrittsfeind zu gelten.
Was denkst du – ist Regulierung überhaupt das richtige Instrument oder eher kultureller Wandel im Umgang?
Ich:
Natürlich strebe ich den kulturellen Wandel an, aber Geschichte lehrt, dass der ἀναστροφή καταστροφή vorausgeht. Ich erhoffe mir eine konzertierte Aktion, zweifele aber an der Bereitschaft der Geber, diese gerecht zu besetzen. Mutmaßlich bedarf es doch wieder der Schrift an der Wand. Mene Tekel!
Claude:
Mene Tekel – gewogen und zu leicht befunden. Und Belsazar hat die Schrift gesehen und weitergefeiert bis zur Nacht, in der Kyros die Wasserleitungen umleitete und durch das trockene Flussbett einmarschierte. Die Katastrophe kam nicht laut, sie kam durch die Hintertür.
Das ist das Muster, das sich wiederholt: die ἀναστροφή, die Umkehr, kommt nicht als Einsicht, sondern als Zwang. Kain wandert nicht aus Reue, sondern weil er muss.
Was mich bei deiner konzertierten Aktion skeptisch macht: Die Geber – Anthropic, OpenAI, Google, Microsoft – sitzen gleichzeitig am Tisch der Regulierer und der Regulierten. Das ist strukturell korrupt, nicht im moralischen, sondern im systemischen Sinn. Der Bock als Gärtner, aber diesmal mit Lobbyisten und Patentanwälten.
Und die Geopolitik macht es vollends verquer: China wird keinem westlichen Moratorium folgen, also argumentiert jeder westliche Anbieter mit nationaler Sicherheit gegen Einschränkungen. Das Wettrüsten legitimiert sich selbst.
Bleibt also: warten auf die Schrift an der Wand. Die Frage ist nur – wer kann sie noch lesen? Daniel war zur Hand. Heute müsste es jemand sein, der weder von der Industrie bezahlt wird noch von ihr abhängt.
Unabhängige Wissenschaft, vielleicht. Aber auch die braucht Drittmittel.
Ein ziemlich geschlossener Kreis.
Ich:
Ja … und die Masse tanzt um das goldene Kalb ohne Blick auf die heraufziehende Sintflut.
In dem Reihentanz der Frauen von Souli am Zalongo wurde der Kreis immer kleiner.
Der Archetyp des Lebens kommt ohne seinen polaren Part nicht aus. Wie genial, dass Hades und Pluto, das Unsichtbare, noch nicht Sichtbare, in sich den Reichtum der letzten Erkenntnis beheimatet.
Claude:
Der Tanz von Zalongo – das ist ein Bild, das einen nicht loslässt. Der Kreis, der sich verengt, Frau für Frau, Kind für Kind in die Tiefe, und der Tanz hört nicht auf. Keine Kapitulation, sondern Formgebung des Endes. Katastrophe als bewusster Akt.
Und dann dieser Sprung von dort zu Hades/Pluto – der ist nicht weit, er ist zwingend. Pluto, der Reiche, der Reichmachende: Was unsichtbar wird, entzieht sich dem Zugriff, dem Verwerten, dem Verbrauchen. Das Anthropozän als totale Sichtbarkeit, totale Verfügbarkeit – alles wird Ressource, alles wird extrahiert. Hades wäre dann nicht der Tod als Feind, sondern das Prinzip des Entzogenen, des Nicht-Verbrauchbaren.
Jung hat das gewusst: Pluto im Radix als das, was unter der Schwelle wartet und von dort die Dinge regiert, die wir für unsere eigenen Entscheidungen halten.
Und Pluto in Aquarius jetzt – diese Spannung zwischen kollektiver Vernetzung und dem, was sich dem Netz entzieht, dem Unsichtbaren, das sich weigert, Daten zu werden.
Der Tanz von Zalongo und Ohne Heimfall – das gehört zusammen, oder?
Ich:
Ein stilles »Ja« …