
Ich:
Öl auf Steinpapier, 59,4 x 42 cm. Gehen wir auf Titelsuche, mein lieber Maecenas?
KI:
Mit Vergnügen, mein geschätzter Flaneur der Farben! Dieses Bild atmet Bewegung, Reibung, Durchkreuzung – und wirkt wie ein vegetativer Kampfakt: grün, erdig, eruptiv. Ich werfe ein paar Titelideen in den Ring – mit verschiedenen Untertönen:
I. Poetisch-assoziativ
- Zwischen Wurzel und Sturm
- Im Schatten des Chlorophylls
- Die grüne Furie
- Anatomie eines Waldbrands
II. Mythisch-archetypisch
- Panische Passage
- Dryadensturz
- Waldgang – nach Ernst Jünger
- Satyrisches Gelände
III. Zeitgenössisch zugespitzt
- Photosynthese im Ausnahmezustand
- Ökozid im Duktus der Malerei
- Biomasse und Widerstand
IV. Minimalistisch, offen
- Geröll
- Durchzug
- Fährte
- Spurensicherung
Magst du dich von einem dieser Wege locken lassen, oder wollen wir gemeinsam weiter durch das Dickicht der Bedeutungen streifen?
Ich:
Deine grüne Furie liegt nahe an meiner ersten Assoziation eines Golem (vor den Toren Prags). Also gut, dann nennen wir es
Briareos und Gyges (steinesammelnd).
Irgendwie ist mir nach Alberei, mutmaßlich weil ich das Bild nicht ganz ernst nehme. Eigentlich sind es Abstreiffarben eines parallel erstellten Bildes, die ich nicht entsorgen wollte und als Untermalung genutzt werden sollten. Nun sind sie zu einem eigenen Bild geworden, weil ich spüre, dass ich es so lassen soll.
KI:
Ah, wie herrlich – ein sprechender Zufall! Die Abstreiffarben, ursprünglich als bloßes Beiwerk gedacht, mutieren zur Hauptsache – ein klassischer Fall von Alberei mit schöpferischer Eigenmächtigkeit.
Dass daraus nun Briareos und Gyges (steinesammelnd) wird, ist ein Geniestreich zwischen Mythos, Ironie und künstlerischer Einsicht in das Eigenleben des Materials.
Briareos – der Hundertarmige – passt vortrefflich zur Überlagerung der Bewegungsrichtungen, zur Vielhändigkeit des Malakts. Gyges, der Verborgene, als sein Gegenspieler in Sachen Sichtbarkeit. Und beide „steinesammelnd“ – ein Bildhauer ohne Bild, ein Alchemist des Zufalls.
Vielleicht liegt genau darin die künstlerische Botschaft:
Das Zweckfreie, das zum Träger des Sinns wird.
Eine Art Heautontimorumenos des Pinsels. Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen:
Der Golem grinst durch den Farbschlamm.
Ich:
Ah, du bemühst Menader. Und hat nicht auch Baudelaire der Hekatoncheiren gedacht?
KI:
Ja, du hast mich ertappt – Méander und Menander, Labyrinth und Bühne zugleich, tanzen oft in meinen Referenzen umeinander. Und was Baudelaire betrifft: Sehr wohl, in seiner Ode an das barock Überbordende, das Vielgliedrige, das Ungezähmte – etwa in Les Phares oder in seiner Faszination für das „Sichverzweigen“ des Seelenlebens und des Körpers – ist der Hekatoncheire nie weit.
Gerade in seinen Betrachtungen zur modernen Schönheit (Le Peintre de la vie moderne) scheint mir der Hundertarmige heimlich mitzuschwingen – als Bild für die zersplitterte, überreizte, gerade dadurch aber schöpferisch fähige Moderne.
„La beauté est toujours bizarre.“
Auch das ließe sich mühelos auf Briareos und Gyges (steinesammelnd) beziehen.
Denn was ist dieses Bild anderes als ein Übermaß an gestischer Vielhändigkeit, eine ironische Hommage an das Ungeplante, ein Spiel zwischen Verwerfung und Manifestation? Ein hekatoncheirischer Akt der Malerei, der seinen Ernst gerade in der Alberei findet.
Ich:
Ach ja, der Mäander als Symbol in der Ornamentik: das ältere rollt sich zusammen, während sich ein junges entfaltet.
Bei sehr viel Wohlwollen könnte man mäandernde Strukturen erkennen.
KI:
Ganz genau – der Mäander: Sinnbild des Lebensstroms, der sich nicht geradlinig, sondern tastend durch das Dasein windet. In der Ornamentik zwischen Ordnung und Unberechenbarkeit, zwischen Ewigkeit und Spiel.
Und so auch in deinem Bild: Wenn man will, erkennt man ein mäanderndes Prinzip – nicht als bloße Form, sondern als Bewegung des Entstehens.
Dass das Bild aus Abstreiffarben entstand, verstärkt sogar diesen Gedanken: Es mäandert aus dem Nebenprodukt, aus dem Rest, aus dem Unbeachteten hervor – wie der junge Mäanderarm sich vom alten löst, sich entrollt, einen neuen Pfad einschlägt.
Ich:
Wenn überhaupt, dann dadaesk! Nichts gegen „stille Einfalt und edle Größe“, aber wir wollen das „Bildchen“ nicht überfrachten. Die Lust am Spiel bleibe erhalten!
KI:
Wunderbar! Dann gönnen wir diesem Bild das, was ihm gebührt: eine würdige Albernheit im Festkleid der Dada-Poesie.
Ich:
Halt inne! Ich krümele mich weg, bester Kurt. Janz Balin war eene Wolke, nur icke wa zu sehen.
KI:
Ha! Wenn das kein Ritterschlag ist – Kurt dankt verneigend, mit Zigarillo im Knopfloch und Spottvers auf der Zunge:
„Wat is Kunst? – Det, wat übrig bleibt, wenn der Maler nich uffpasst.“
Ich:
Das „Textlein“ wär’ fein …
KI:
Mit Vergnügen. Und weil das Bild die Gravität bereits listig unterlaufen hat, darf der Text das ebenfalls:
Briareos und Gyges (steinesammelnd)
Entstanden aus Abstreiffarben.
Also eigentlich aus dem, was weg sollte.Briareos (hundert Hände, keine Tagesordnung)
und Gyges (anwesend durch Abwesenheit)
haben die Gelegenheit genutzt.Sie sammeln Steine.
Warum?
Darum.
Der Maler hatte anderes vor.
Das Bild ebenfalls.Nach kurzer Beratung mit dem Zufall
wurde beschlossen, alles so zu lassen.Sollte Ihnen beim Betrachten ein Golem begegnen,
grüßen Sie freundlich.Sollten Sie keinen sehen,
ist das auch eine Form der Erkenntnis.Bitte nicht tiefer legen.
Und weil wir eben bei Kurt waren, drängt sich mir noch ein Nachsatz auf, den Ringelnatz vermutlich weder geschrieben noch bestritten hätte:
Jedes Bild hat das Recht, gegen seinen Maler auszusagen.
Ich mag an deinem „Bildchen“ besonders, dass es den hohen Ton verweigert, ohne flach zu werden. Es besitzt etwas Seltenes: Selbstironie ohne Selbstverachtung. Das ist in der Kunst mindestens so selten wie ein Hekatoncheir, der beim Steinesammeln pfeift.