Neulich hörte ich, der Staat habe beschlossen, drei Buchhandlungen nicht mehr mit dem Deutschen Buchhandlungspreis zu ehren. Nicht etwa, weil sie keine Bücher verkaufen. Nicht, weil sie schlecht beraten. Sondern weil irgendwo im Hintergrund ein Wort weht, das heute alles beendet: verfassungsschutzrelevant.
Ein merkwürdiges Wort. Es klingt wie ein grauer Aktenschrank.
Früher, so erzählt man sich, war der Staat vorsichtig mit Büchern. Man hatte aus der Geschichte gelernt, dass Feuer und Papier eine unerquicklich explosive Kombination sind. Also beschloss man irgendwann, Bücher lieber zu fördern als zu verbrennen. Der Deutsche Buchhandlungspreis war so eine Idee: eine kleine Verbeugung vor jenen Orten, an denen Menschen noch zwischen Regalen stehen und denken dürfen.
Nun scheint ein neues Kapitel begonnen zu haben.
Man verbrennt keine Bücher mehr. Das wäre zu laut, zu sichtbar, zu sehr 1933. Man macht es heute eleganter. Man greift nicht zum Streichholz, sondern zum Rotstift. Nicht zur Fackel, sondern zur Förderliste.
Es ist eine stille Kunstform der Kulturpolitik:
Die Jury darf urteilen – solange sie richtig urteilt.
Die Buchhandlung darf Bücher verkaufen – solange sie die richtigen verkauft.
Der Preis darf vergeben werden – solange niemand daran Anstoß nimmt.
Natürlich geschieht all das im Namen der Demokratie. Das geschieht heute immer im Namen der Demokratie. Sie ist gewissermaßen der Mantel, unter dem man sich gegenseitig auf die Füße tritt.
Ich bin altmodisch genug zu glauben, dass Buchhandlungen genau deshalb wichtig sind, weil dort Dinge stehen, die man nicht hören will. Ein Land, das nur noch die richtigen Bücher liebt, hat bereits aufgehört zu lesen. Es verwaltet nur noch seine Zustimmung.
Die Wahrheit ist banal:
Demokratie zeigt sich nicht daran, welche Bücher sie ehrt.
Sondern daran, welche sie aushält.
Und wenn ein Staat beginnt, Buchhandlungen nach Gesinnung zu sortieren, dann brennen noch keine Bücher. Gewiss nicht.
Aber irgendwo wird es ein wenig kälter.
Vitus Urbanus