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“…verzeihen ist göttlich” (Teil 2)

Um vergeben zu können, bedarf es der vorausgegangenen Tat. Also los!

Da ist jemand, der hat mir was getan, der Täter. Und mir, ausgerechnet mir, hat er es angetan. Ich fühle mich als Opfer. Wie ist dem abzuhelfen? „Gift und Dolch!“ – „Der Hölle Rache brennt in meinem Herzen.“

Ich hau´ ihm auch ein blaues Auge, denn Rache ist süß.

Das Rachemotiv ist so etwas wie eine instinktive  Ausgleichsbewegung. Fiat iustitia, pereat mundi. Es geschehe Gerechtigkeit, auch wenn alles dabei in Scherben fällt. Eine primitive Regung, aber süß. Hält nur nicht lange vor. Ungerechterweise fühlt sich jetzt der andere als Opfer und ganz blauäugig übt nun auch er Rache. Ad infinitum. Der Versuch sein eigenes Leiden dadurch zu kompensieren, in dem man den Täter demütigt und leiden lässt, ist doch ein recht magisch-mythisches Verhalten.

Da Hauen und Stechen nicht im luftleeren Raum stattfindet, ist zu vermuten, dass bald auch der Dritte auftaucht, der nicht unbedingt der Lachende sein muss. Im Gegenteil. Meist ist er, der Helfer,  so engagiert in seinen Bemühungen um Ausgleich, den die Erstgenannten ja nicht hinbekommen, dass er eben diesen so sehr auf den Zwirn geht, dass diese ihn nun als Täter erkennen und folgerichtig zum Opfer machen. Kein Wunder, dass solche Verhaltensmuster fachchinesisch als Spiel bezeichnet werden.

Das Dramendreieck verhindert Beziehung. Es ist neurotisch und führt dazu, dass jeder nur die besseren Rollen haben möchte und keiner letztendlich in Würde die Verantwortung für die eigene Grenzen und die eigene Verantwortung  für die Taten und das, was sich ereignet hat, zu übernehmen.
Zu einer erfolgreichen Bewältigung einer realen Täter-Opfer Erfahrung gehört, dass der Täter seine Tat bereut und sühnt, das Opfer dem Täter verzeiht und sowohl Täter als auch Opfer dem Retter danken. Erst dadurch befreien sich alle Beteiligten wirksam aus ihren Rollen.

Deswegen kann Verzeihen nicht funktionieren, denn  der Verzicht auf Rache ist noch nicht vergeben, aber der erste notwendige Schritt in die richtige Richtung. Verzeihen heißt: ich vergesse, was geschehen ist. Verzeihen ist wieder gut machen, ungeschehen machen, nicht anerkennen, was ist. Nicht anerkennen wollen, das es sehr schmerzhaft war und das es kein Zurück in den alten Zustand mehr gibt.

Vergeben hingegen ist nicht vergessen, sondern erinnern. Vergeben heißt nicht: ach, da war ja nichts (leugnen), hat ja gar nicht wehgetan (beschwichtigen). Hier wird nichts verdrängt. Leider aber häufig gedrängt, etwa von den Eltern:

Du sollst vergeben!

Kann das gelingen? Vergebung als Willensakt?

Warum das nicht geht, beleuchten wir im 3. Teil. Bis nächsten Mittwoch!

Hanswerner Herber