Wozu Konventionen gut sind…

Von meinem alten Herrn habe ich eine Menge lebenstauglicher Dinge gelernt, beispielsweise, dass ich nicht beim Betreten einer Kneipe wie wild gegen die Tür drücke, denn im Gegensatz zum trauten Heim gehen jene nach außen auf. Mutmaßlich habe ich – genetisch treu – schon in sehr jungen Jahren seine Affinität für diesen Ort – „die alten Griechen hatten die Agora, wir haben die Theke“ – geteilt. Auf meine Wissbegier, warum dieses so sei, antwortete er keineswegs moralinsauer „Damit du dich gar nicht erst da zu Hause fühlst“, sondern mit dem nüchtern-praktischen Hinweis, dass der Gastwirt einen Zecher, der sich nicht mit Anstand zu besaufen verstünde, ohne größere Umstände vor besagte, sich nach außen öffnende Tür werfen könne. Ich erwiderte ihm mit festen Blick, dass ich verstanden hätte und mich künftig nur mit Anstand besaufen werde.

Nun, abgesehen davon, dass mit Ende der Studentenherrlichkeit die Attraktivität solcher Orte relativ rasch nachließ, und völlig unabhängig davon, ob Türen sich nach innen oder nach außen öffnen, gilt es zu betrachten, dass es ein physikalisches Gesetz ist, dass nicht zwei Dinge den gleichen Raum einnehmen können oder philosophischer, dass jedem Hineingehen ein Hinausgehen entgegensteht.

Wie löst nun der Mensch, der einen Raum betreten will, das Problem, dass zeitgleich ein anderer Mensch aus diesem Raum heraustreten will?

Die Erfindung der Schwingtür in Western Saloons hilft da nur bedingt weiter, genau so wenig wie die Überlegungen der Deutschen Bahn, den Prozess des Ein- und Aussteigens zu beschleunigen. Die Konvention, wohl entstanden aus dem Kalkül, das draußen vor der Tür gemeinhin mehr Platz vorhanden ist als im Inneren, sorgt für das „Erst aussteigen – dann einsteigen“. Ja, es gibt Konventionen, die keines vorausgehenden Konvents bedürfen, auch wenn die Deutsche Bahn das nicht wahrhaben will.
Ich bin schon Ewigkeiten nicht mehr mit der Bahn gefahren, begebe mich aber, wenn ich jemanden vom Bahnhof abhole, nahe genug an eine solches Gefährt heran, um die Gültigkeit der Konvention des „Erst-Aussteigen-dann-Einsteigens“ bestätigt zu finden, so lange wie es sich um einen Wagon handelt, der an seine Enden je eine Tür hat. Diese Konvention kippt bei den mittig gelegenen Türen  in Regionalzügen, deren Verschlimmbesserung wohl in dem Geniestreich besteht, die Schnelligkeit des „Be- und Entladens“ diktieren zu wollen. Während die Aussteigenden intuitiv (und gerne) die breitere Seite nutzen, steigen die Leute auf dem Bahnsteig bereits an der schmaleren Seite ein, was die Einstiegswilligen auf der Ausstiegsseite dazu veranlasst, ihrerseits gegen die Aussteigenden anzudrängen, (wohl um rechtzeitig ihr Handtuch auf die Sitzplätze zu verteilen).

Das Chaos ist vorprogrammiert, was nicht weiter verwunderlich ist bei einem Volk, dass das Prinzip des Reißverschlusses nicht verstanden hat und sich die Deutsche Bahn leistet, die ihrerseits nicht versteht, wozu Konventionen gut sind.

1. Nachwort:

Habt ihr schon je den Blick beachtet, mit dem der deutsche Bürgersmann einen Offizier ansieht? Diesen scheuen und treuen Blick, so von unten herauf, als ob ein geduckter Pudel zu seinem Herrn aufsieht!

Wenn du diesen Blick kennst, so weißt du, daß es in Deutschland nie etwas Rechtes werden wird.
(Victor Auburtin, 1929)

2. Nachwort:

Obiges Zitat erscheint Ihnen überzogen, geneigter Leser?
Zumal doch DIE WELT am 1.12.2013 titelt
Der deutsche Untertan hat sich in Luft aufgelöst.
Henryk M. Broder behauptet:
Adieu, Heinrich Mann. Ein Volk, das Bushido den Bambi verleiht, das Schwarzfahren,
Auto-Abfackeln und Steuerbetrug duldet, ist kein autoritäres mehr.
Vom Befehlsempfänger zum Befehlsverweigerer.
 

3. Nachwort:

Ich bezweifle das.
Die Gestalt der alten Obrigkeit mag sich aufgelöst haben:
kein Hindenburg bellt mehr, kein Goebbels geifert.
Heute ist von ganz oben gar nichts mehr zu hören –
nur Schweigen.
Und der Untertan ist dankbar,
wird er doch in seiner trügerischen Sicherheit nicht gestört.

 Hanswerner Herber

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