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Stirb und werde

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das um seine Endlichkeit weiß. Sterben und Tod werden aber heutzutage fast perfekt verdrängt und tabuisiert. Das war nicht immer so.

Bis zur Renaissance wurde das Sterben als schicksalhaft bedingt hingenommen. Erst mit der Aufklärung erkannte man einige Ursachen des Sterbens und versuchte, diese Ursachen zu bekämpfen. Der Tod wurde zum bedrohlichen Feind, aber auch zum beständigen Begleiter des Lebens. Die Menschen durch drang die Angst vor einem plötzlichen Tod ohne die Möglichkeit, durch Beichte und Bereuen Vergebung bei Gott und Verzeihung bei den Angehörigen zu erreichen.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts starben die meisten Menschen in der Familie, in der Gemeinschaft. Die Betreuung Sterbender gehörte zu den gewohnten Aufgaben ebenso wie die Leichentoilette, die Totenwache, das Einsargen und die Beisetzung.

Von den Städten ausgehend begann der kulturgeschichtliche Wandel des Sterbens. Bestatter übernahmen die Regelung der „Letzten Dinge“, Sargfabriken die Produktion der Särge, Krankenhäuser wurden zum Ort des Sterbens. Den Sterbenden wurde die Schwere ihres Zustandes verheimlicht. Motiv für diese Täuschung war zunächst, den Kranken zu schonen. Schon bald ging es aber nicht mehr darum, dem Kranken, sondern der Gesellschaft die mit dem Sterben verbundene Belastung zu ersparen. Der früher vertraute Tod wurde damit zum verbotenem und verheimlichten Objekt. Die daraus entstehenden Gefühle waren nur noch im Verborgenen statthaft.

Um 1975 war der Sterbeort für die meisten Europäer in den Städten das Krankenhaus oder das Altenheim. Man stirbt im Krankenhaus, weil man dort die Betreuung erhält, die zu Hause nicht mehr gewährleistet ist. Zu diesem Wandel gehört die soziale Desintegration (Zerfall der Familien, arbeitsplatzbedingte Umzüge, ständig steigende Scheidungsrate, Mehrzahl der Haushalte, die heute nur noch ein bis zwei Personen zählen). Der mit dem gesellschaftlichen Fortschritt und den Errungenschaften der modernen Medizin verbundene Glaube, alles beherrschen zu können, trug das Seine zur Verdrängung von Sterben und Tod bei.

 

Die Sanduhren erinnern nicht bloß an die schnelle Flucht der Zeit, sondern auch zugleich an den Staub, in welchen wir einst verfallen werden.
Georg Christoph Lichtenberg

Der Tod ist nichts Schreckliches; nur die fürchterliche Vorstellung vom Tode macht ihn furchtbar.
Epiktet

Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.
«Walter Benjamin»

Jeder Augenblick im Leben ist ein Schritt zum Tode hin.
«Corneille, Titus und Berenice»

Am Schluß ist das Leben nur eine Summe aus wenigen Stunden, auf die man zulebte. Sie sind; alles andere ist nur ein langes Warten gewesen.
«Erhart Kästner»

Der Tod kommt nur einmal, und doch macht er sich in allen Augenblicken des Lebens fühlbar. Es ist herber, ihn zu fürchten, als ihn zu erleiden.
«Jean de La Bruyère»

Der Tod geht zwei Schritte hinter dir. Nütze den Vorsprung und lebe.
«Werner Mitsch»

Der Tod ist die Ruhe, aber der Gedanke an den Tod ist der Störer jeglicher Ruhe.
«Cesare Pavese»

Wer den Tod fürchtet, hat das Leben verloren.
«Johann Gottfried Seume, Apokryphen»

Dies ist die wahrste aller Demokratien, die Demokratie des Todes.
«Kurt Tucholsky»

Ich werde überhaupt nicht für mich sterben, sondern nur für andere, die Zurückbleibenden, aus deren Verbindung ich gerissen werde.
Für mich selber ist die Todesstunde Stunde der Geburt zu einem höheren, neuen, herrlichen Leben.

Johann Gottlieb Fichte

Todesruf ist auch Lebensruf.
Der Tod wird süß, wenn wir ihn bejahen, wenn wir ihn als eine der großen ewigen Formen des Lebens und der Verwandlung annehmen.
(Hermann Hesse)

Stirb und werde.
(Meister Eckehart)

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: stirb und werde,
bist du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde
(J. W. v. Goethe)

Leben und Tod gehören beide der Welt der Erscheinungen an, wohingegen die Existenz jenseits von beiden liegt.
Es besteht keine Notwendigkeit, in die andere Welt hinüberzugehen; denn obgleich man in der dieseitigen Welt lebt, ist man schon in der jenseitigen.
(Richard Wilhelm)

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
verdirbt, wenn er stirbt.
(Jacob Böhme)

Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen.
Der Tod ist Endigung und Anfang zugleich, Scheidung und nähere Selbstverbindung zugleich.
(Novalis)

Der Tod ist seelisch ebenso wichtig wie die Geburt und wie diese ein integrierender Bestandteil des Lebens.
(C.G.Jung)