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Intuition trifft nur auf den vorbereiteten Geist

…so sagt Gerd Gigerenzer.

Intuition ist die Begabung ohne groß nachzudenken, quasi „aus dem Bauch heraus“ eine gute Entscheidung zu treffen, ist die Fähigkeit zu ahnen. Sie begegnet uns in unserem Alltag ständig, ist Alltagswissen.

Hier aber beginnen die Schwierigkeiten. Denn bei so mancher Gelegenheit schaut einen der Nase rümpfende, spöttisch lächelnde, müde abwinkende, ungläubig blickenden Zeitgenosse an, wenn man ihm erklärt, wie man zu seiner Einsicht gelangte. Der Intuition als einem Phänomen, das man nicht rational fassen kann, wird mit Vorsicht und Reserviertheit begegnet. Warum ist das so?

Kassandra und die Folgen

Diese trojanische Prinzessin, Tochter der Hekabe und des Priamos , wurde – wie so manches Kind – Opfer ihrer Namensgebung. Kassandra bedeutet nämlich „die die Männer einwickelt“. Sie muss eine tolle Ausstrahlung gehabt haben, denn Apollon verliebte sich in sie. Um seinem Werben Nachdruck zu verleihen, schenkte der Gott ihr die Gabe der Vorhersehung. Kassandra, schön wie Aphrodite, so bemerkt Homer, lässt ihn abblitzen. Geschenkt ist geschenkt, so gilt die Regel auch unter Göttern, aber reinspucken ist erlaubt. Apollon verflucht die Gabe ihrer Prophetien: Keiner soll Deinen Vorhersagen Glauben schenken! Kassandra warnt seither vergebens. Wer will auch schon etwas von Niederlagen und trojanischen Pferden hören, wo es doch gerade so gut läuft. Dennoch die Hinterlist der Griechen ist kriegsentscheidend und Heinrich Schliemann hatte etwas, mit der er die schöne Sophia beeindrucken konnte.

Descartes und die Folgen

Kassandra konnte ihre Ahnungen nicht belegen. Diese Skepsis gegenüber alogischer Interaktion greift René Descartes mit seiner res cogitans, dem urteilenden, denkenden Ding auf. „Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen“, sagt zwar schon Augustinus deutlich früher, aber vielleicht hat Descartes die mögliche Erinnerung an diesen Satz des Aurelius Augustinus als kassandrisches Bauchgefühl abgetan. Sein rational diskursives Denken entspricht dem Misstrauen in die Intuition und ist die Theoriebildung in vielen Erfahrungswissenschaften geworden und allgemein Kennzeichen mechanistischen Denkens. Der Primat des Kognitiven.

Intuition – vorbewusste Intelligenz im Alltag

„Was zu dir zurückkommt, nachdem du es losgelassen hast, das gehört dir.“ So heißt es im Sufismus. Ist das Denken wirklich die Hauptfunktion des Gehirns? Die Hirnrinde (Cortex) macht zwar entwicklungsgeschichtlich die größte Masse aus, aber die Entscheidungen für die Abläufe unserer  alltäglichen Handlungen und Verrichtungen laufen subkortikal ab.

Wie funktioniert nun Intuition? Ang Lee und Theodor Seifert unterscheiden verschiedene Dimensionen:

Wir wollen uns im nächsten Blog mit den „materiellen“ Gegebenheiten beschäftigen und uns dabei näher mit dem 4-Phasenmodell auseinandersetzen, dann mit den Resonanzphänomenen (Spiegelneurone; Übertragung/Gegenübertragung) und mit dem „Bauchgefühl“.

Ich freue mich darauf.

Hanswerner Herber