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Individuation versus Individualismus (2)

Diejenigen, die kundig bestrebt sind, den Menschen von der Freiheit zu befreien, haben stets Erfolg: denn in den Massen – ganz gleich, ob in den proletarischen, den konfessionellen, den akademischen oder welchen sonst immer – wird die Freiheit als Fessel empfunden, von der sie nur eine gutgehandhabte Unfreiheit befreit. (Herbert Fritsche)

 

Wenn ich meinen Lieblingsgriechen anrufe und einen Tisch bestelle, fragt er zurück: „Πόσσα άτομα – Possa atoma?“ – Nein, nicht wie viele Atome, sondern er fragt nach Personen.

A-tom (das Unteilbare, griech.) Individuum (das Unteilbare, lat.).

Und schon kommen wir in eine Schieflage. Die moderne Physik der kleinsten Teilchen ebenso wie die Tiefenpsychologie hat unser vermeintliches Wissen über Unteilbarkeit beträchtlich ins Schleudern gebracht.

Wenn ich Individuum ganz individuell sein will, um nicht so zu sein wie die Anderen, dann bediene ich mich einer individualistischen Anschauung. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert:

Anschauung, die den einzelnen Menschen (das Individuum) in den Mittelpunkt stellt. Oberster Grundsatz im Individualismus ist die Freiheit des Einzelnen. Soziale Gebilde wie Staat oder Unternehmen werden lediglich als die Summe einzelner Menschen gesehen. Individualismus und Liberalismus sind eng miteinander verbunden, da beide Leitbilder sich an einer Ordnung orientieren, die die Freiheit und den Selbstverantwortungsanspruch des einzelnen Menschen als Naturrecht voraussetzen. Dazu gehört auch die Vorstellung der natürlichen Harmonie, dass also die uneingeschränkte Verfolgung der wirtschaftlichen Einzelinteressen gleichzeitig der Erreichung des größtmöglichen Gemeinwohls dient.

Und woraus zitiert sie? Aus dem Lexikon der Wirtschaft – bezeichnend, nicht wahr?! Aber vertiefen wir das nicht, sondern kehren zurück zum Anderen, der ja ebenfalls die Fahne der Freiheit hochhält, auf der es nicht übersehbar in goldenen Lettern prangt: „Ich bin ich.“
Beim FC Bayern steht an der Stelle: „Mia san mia.“ – Das beweist wie Recht Herbert Fritsche mit seiner oben zitierten Anmerkung hat.

Individuum zu sein in dem Sinne ist trendy, erscheint aber wohl eher als ein deppertes Hineintappen in die Egoismus-Falle. Es ist vergesellschaftet mit einer Distanzierung vom Lebenspartner, von der Familie, von den Freunden, dem Gemeinwesen. Fitness-Studio statt Sportverein, LAN-Party, Speed-Date, feste feiern statt Feste feiern. Verantwortung für das soziale Gefüge wird da eher klein geschrieben, dafür wird seiner Majestät, dem EGO gehuldigt, verbrämt als Selbstverwirklichung.

“Suicide is painless, It brings on many changes, And I can take or leave it, if I please.” (aus M.A.S.H.)

Die Sinnlosigkeit weiter zu leben, wird am häufigsten von Menschen mit Suizidgedanken genannt. Wer immer in eine Situation geraten ist, in der Einsamkeit, Angst und Sinnlosigkeit unüberwindbar erscheinen, wird das nachempfinden können. Wie begegne ich den großen, existenziellen Herausforderungen? Woran orientiere ich mich in einer multioptionalen Welt, in der mir die Sicherheit einer Wertebasis abhandengekommen ist? Sind die überkommenen kollektiven Normen, Regeln und Maßstäbe einer Gesellschaft überhaupt dafür geeignet? Muss ich sie nicht vom Subjekt her, also individuell beantworten?

Hier beginnt Individuation… (in der nächsten Woche ;-))

Hanswerner Herber