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Gefangen

„Könnte ich wohl mal bitte den Schlüssel bekommen? Das ist ein Irrtum. Ich gehöre hier nicht hin. Ich muss hier raus. Bitte machen Sie jetzt sofort die Tür auf.“

„Die Tür kannst du selber öffnen, der Schlüssel steckt in deiner Jackentasche.“

„Da ist kein Schlüssel, verdammt noch mal. Wenn da einer wäre, wäre ich schon längst hier raus.“

„Wäre, wäre, wäre… ja das kennen wir schon, und hätte, hätte, hätte auch. Der Schlüssel steckt in deiner Tasche. Sieh zu! Bis morgen! Falls du dann noch da bist.“

„He, hier geblieben, bleib hier, ich… lass wenigstens den Schlüssel da!“

„Tschau!“

 

Verdammt, ich will hier raus, ich muss hier raus. Vielleicht hat er ja Recht und ich habe ein Loch in der Tasche und der Schlüssel ist im Saum verschwunden. Ich muss den Saum aufschneiden. Mist, kein Messer, keine Schere. Ja klar, damit ich mich nicht selber umbringe. Ich will mich nicht umbringen, ich will hier raus. Dann eben mit den Zähen. Grrr, ist der Stoff fest. Ich kann nicht mehr. Gut Nacht.

 

„Guten Morgen, bist ja immer noch da. Haste wenigstens gut geschlafen?“

„Nein, hab ich nicht. Hab‘ die ganze Nacht überlegt, wie ich dich austrickse, damit du mir den Schlüssel gibst. Und damit ich mein Idee nicht vergesse, habe ich sie hier an die Tür geschrieben. Komm rein und schau sie dir an!“

„Super! Netter Versuch, und wenn ich dann die Tür aufmache, dann haust du ab.“

„Ok, man kann es ja mal versuchen. Bitte gib mir den Schlüssel, ich sag auch keinem, dass du ihn mir gegeben hast. Ehrenwort!“

„In deiner Tasche!“

„Idiot! Ich sage dir, wenn ich hier raus komme kriegst du eins aufs Maul.“

„Gerne, ich bitte drum. Hab‘ auch noch niemanden kennengelernt, der so dumm ist wie du. Also, was ist in deiner Jackentasche?“

„Da ist NIX drin.“

„Siehste, und das brauchst du für die Tür.“

Aus dem Kurs Kreatives Schreiben
von
Georg Lorenz