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Familiengeschichte(n)

„Was habe ich mit denen da zu tun!“ Das ist oft keine Frage, sondern eine Aussage, die das Drama vieler Familien ausdrückt. Die Verwandtschaft trifft man auf den obligatorischen Feiern: Taufe, Konfirmation, Hochzeiten, Beerdigungen. Besonders bei dieser „letzten  Familienfeier“ werden Konflikte in der Familie spürbar. Wir sprechen von der Trauergemeinde, für einen kurzen Moment entsteht so etwas wie eine Gemeinschaft, die um den toten Menschen trauert. Doch die alten Gräben sind nicht wirklich zugeschüttet. Sie sind nur kurz überdeckt mit dem Trauerflor. Wehe, jemand macht einen falschen Schritt!

In jeder Familie gibt es viele Geschichten. Die nachkommenden Generationen spüren die Folgen von Streit, Missgunst und Ausgrenzungen. Doch viele Geschichten werden nicht erzählt, verschwiegen oder verfälscht, eingefärbt vom Erzähler – die Details gehen verloren.

Wo beginnt meine eigene Erinnerung an Familien-Geschichte? Ab wann bin ich selber Zeuge geworden? Täuschen mich meine Erinnerungen? Sind es die Fotos und die Erzählungen, die ich als mein eigenes Erleben abgespeichert habe? Welche Geschichten hat man mir nie erzählt? Welche Namen wurden nie ausgesprochen, nie genannt? Haben auch Oma und Opa, Tante und Onkel Vornamen, Geburtsnamen, Lebensgeschichten?

Und dann schaue ich mir alte Fotos an, scanne sie ein und vergrößere sie. Wer schaut mich da an? War meine Oma mal eine lebenslustige junge Frau? Hatte sie Träume und war verliebt? Was sehe ich alles nicht auf den Fotos? Warum trägt meine Oma auf diesem Foto schwarz und lacht doch in die Kamera. War das das Jahr, in dem ihre Tochter starb? Hier ist die Tochter noch mit ihren drei Kindern zu sehen, danach gibt es kein Foto mehr mit ihr. Das Schicksal hat  in die Familie eingegriffen.

Wie alt diese Generation schon in frühen Jahren aussieht – der Krieg, die Flucht, der Hunger, die vielen Toten sind sichtbar in den Gesichtern auf den Fotos der Nachkriegszeit.  Fotos vor dem Krieg, im Krieg, nach dem Krieg. Die Männer wurden Soldaten, trugen Uniformen, wenn sie auf „Heimaturlaub“ waren. Die Frauen trugen Kinder, sind schmal und hager geworden. Wer fehlt auf den Fotos? Einige kamen nicht zurück. Sind auch aus dem kollektiven Familiengedächnis ausgestoßen oder ganz besonders mit einer Geschichte versehen?

Und dann spüre ich, dass diese Fotos mit meinem Leben etwas zu tun haben.

Wer lebt noch von den Menschen, die ich auf den Abbildungen erkenne? Und da ist eine Tante, die meiner Nichte so ähnlich sieht! Und mein Zweiter Vorname ist der Vorname der toten Tochter meiner Oma…

Gisela Rößler

gr