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Der alte Adam…

…lebte im Garten Eden und es ging ihm paradiesisch gut. Allerdings wusste er das nicht. Er war vorbewusst. Bewusstsein beginnt erst jenseits der Gartenmauer. Dort machte er dann auch als neuer Adam Karriere, wusste bald immer mehr und ist heute zur Halbzeit der Evolution so bewusst, dass er im gewissen Umfang erkannt hat, dass die Wissenschaft der letzten 400 unter dem Primat des Rationalismus auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. In dieser Zeit spaltet sich vom durchaus verständigen, praktisch handelnden Adam der vernünftige Adam ab, der verliebt in das abstrakte diskursive Erkennen, das vorhandene Bauchgefühl – die Intuition – als unwissenschaftlich ablehnt. Der neue Adam, der nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt ist, vertraut bis heute seinem Bauch und Shakespeare.

Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen.
(Hamlet 3,1)

Zum Thema „Erst wägen, dann wagen“ oder „Erst denken, dann handeln“ als Verkaufsargument für teure Analyseinstrumente in den Händen noch teurerer Anlageberater versus dem Verhalten dieser Spezies, wenn sie persönlich betroffen sind, gibt es eine Reihe beachtenswerter Geschichten. Hier eine aus einem Vortrag von Gerd Gigerenzer.

Ein Professor an der Columbia University in New York bekommt das Angebot an eine andere Universität zu gehen. Er ist sich nicht schlüssig, überlegt hin und her. Schließlich nimmt sich ein Kollege seiner an: „Maximiere doch einfach deinen erwarteten Nutzen; du schreibst doch immer darüber.“ Der Professor entgegnet ihm entnervt: „Hör auf damit – das ist jetzt ernst.“

Nachdem die vorausgegangenen Blogs einige Schlaglichter auf Intuitionsarbeit und Spiegelneurone geworfen haben, soll ein Lichtlein auf die Frage fallen, wie Intuition funktioniert. Hirnphysiologisch lassen sich Entscheidungen typisieren (Gerhard Roth) in

  1. Automatisierte Entscheidungen
  2. Affektiv-impulsive Entscheidungen
  3. Emotionale Entscheidungen
  4. Logisch-rationale Entscheidungen
  5. Intuitive Entscheidungen.

Erstere entsprechen einem Handeln ohne Abwägen bzw. ohne weiteres Nachdenken in Routinesituationen, etwa eine Unterhaltung während einer Autofahrt. Wir nutzen das sogenannte Handlungsgedächtnis. Das Handeln ohne Abwägen bzw. Nachdenken unter psychischem und/oder zeitlichem Stress, der subkortikale schnelle Weg, entspricht dem zweiten Typus, das explizite und systematische Nachdenken über mögliche Lösungen und das Abwägen von Alternativen, dem vierten Typus. Sie alle stellen ganz unterschiedliche Mischungen unbewusster, vorbewusster und bewusster Motive dar und weisen je nach Entscheidungssituation und –komplexität typische Vor- und Nachteile auf. Im Spannungsfeld zwischen emotionalen, rationalen und intuitiven Komponenten zeigt der Hirnforscher G. Roth, dass es zwar rein emotionale, aber keine rein rationalen Entscheidungen gibt. Die automatisierten Entscheidungen sind die stoffwechselfreundlichsten, versagen aber bei neuartigen Gegebenheiten. Die intuitiven Entscheidungen sind demnach in neuen und komplexen Situationen wohl die besten.

Intuition, Ahnung, Bauchgefühl – Gerd Gigerenzer subsummiert darunter:

  1. Faustregeln
  2. Evolvierte Fähigkeiten des Gehirns
  3. Umweltstrukturen (Kontexte).

1.  Heureka! Ich hab´s gefunden. Archimedes soll Heureka rufend nackt durch Syrakus gelaufen sein, nachdem er in der Badewanne das nach ihm benannte Prinzip entdeckt hatte. Heuristik bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen, so Gerd Gigerenzer.  In der Psychologie sind Heuristiken einfache, effiziente Regeln, die sich durch evolutionäre Prozesse gefestigt haben oder erlernt wurden. Das Standardmodell für rationales Handeln sieht vor, dass bei jeder anstehenden Handlung alle Optionen mit allen Eigenschaften und möglichen Konsequenzen, die dann zu bewerten und gegeneinander abzuwägen sind, durchgespielt werden. Unter Effizienzgesichtspunkten sollten sie so gerade nicht vorgehen. Sie sollten ihren intuitiven Urteilen vertrauen bzw. nach Faustregeln agieren. Anhand vieler eingängiger Beispiele demonstriert Gigerenzer, dass das Agieren gemäß Intuitionen und Faustregeln dem Optimierungshandeln überlegen ist. Der Ballspieler, der die Faustregel befolgt, den Ball zu fixieren und ihn während des Laufens immer im gleichen Blickwinkel zu halten, wird zur Stelle sein, um den Ball zu fangen. Hingegen liegt derjenige, der aufgrund der Informationen über Flugbahn, Luftwiderstand, Drall usf. den Aufprallpunkt des Balls berechnet, fast immer daneben.

2. Psychologische Abläufe und Funktionen sind Anpassungen im Sinne der Evolutionspsychologie, man spricht von evolvierten psychologischen Mechanismen. Diese erhöhten für unsere Vorfahren deren differenziellen Reproduktionserfolg und dienen dazu einen spezifischen Input in einen spezifischen Output auf der Verhaltensebene umzuwandeln. Menschliche Intelligenz sei wie ein „adaptiver Werkzeugkasten“ (Gigerenzer), der mit Faustregeln ausgestattet ist, welche auf verschiedenen Wegen erlernt wurden.

3.  Da ein Bauchgefühl an sich nicht gut oder schlecht ist, sondern immer vom jeweiligen Kontext abhängt, bestimmen diese Strukturen, wie gut eine Heuristik funktioniert. „In einer ungewissen Welt müssen gute Intuitionen Information außer Acht lassen“ (Gigerenzer). Herbert A. Simon sagt:“ Rationales Verhalten des Menschen wird durch eine Schere geformt, deren Klingen die Umwelten und die kognitiven Fähigkeiten des Handelnden sind.“
Persönliche Ziele und Motive treiben Menschen an bestimmte Konsequenzen zu erreichen. Die Umwelt bestimmt aber mit, ob und wenn ja, mit welcher Wahrscheinlichkeit das erwünschte Ziel erreicht wird.

In seinem Buch «Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition» (2007 bei Goldmann erschienen) beschreibt Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Institut, den oben angerissenen Themenkomplex so einprägsam, humorvoll und kurzweilig, dass ich es hiermit wärmstens empfehle.

Der Instinkt diktiert die Pflicht, der Verstand aber liefert die Vorwände, um sich ihr zu entziehen.
Marcel Proust