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Das Weihnachtsrätsel (gilt ganzjährig)

Es kommt im ganzen Leben nur darauf an, sich selbst an die zweite Stelle zu setzen, sagt Iwan Sergejewitsch Turgenjew.

Wie unmodern, möchte man aufschreien!

Ich gebe zu: ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang Turgenjew diese Aussage macht. Ich habe auch gar keine Lust dazu, lasse mich lieber anmuten, gebe dem Gedanken Raum, den Martin Buber im dialogischen Prinzip von Ich und Du dem aktiven Zuhören einräumt. Und dann fällt mir eine alte Geschichte ein, die ich gerne nutze, wenn Konkurrenzsituationen unter Geschwistern oder Mitarbeitern  Unfrieden stiften oder Männlein und Weiblein mal wieder “Unterschiede miteinander” haben, wie es kürzlich in einer Paartherapie ausgedrückt wurde.

Die Geschichte spricht für sich. Also lauschen wir ihr doch einfach.

Der weise König Akbar war es leid, dass sich seine Minister häufig stritten. Es waren zwar kluge Minister, die sich aber gegenseitig bremsten und damit auch den Fortschritt im Land von Akbar.

Da rief Akbar eines Tages seine Minister zu sich. Er zeigte mit der Hand auf eine gespannte gerade Schnur und forderte die Minister auf: „Seht ihr diese Schnur? Eure Aufgabe sei es, sie zu kürzen, jedoch ohne sie zu verknoten oder auseinander zu schneiden. Und ihr dürft sie auch nicht berühren. Kürzt sie auf eine andere Art und Weise!“

Die Minister blickten wortlos auf die Schnur, rieben sich den Bart und wunderten sich, wie die Schur gekürzt werden könnte, ohne abgeschnitten oder auch nur berührt zu werden. Selbst den Klügsten unter ihnen wollte keine Lösung für diese schwierige Aufgabe einfallen. „König, das ist nicht möglich!“ sagten sie. „Kein noch so kluger Mensch kann dieses Rätsel lösen.”

Da erhob sich der König, nahm wortlos eine zweite, längere Schnur und spannte sie neben die erste. Durch diese zweite, längere Schnur wurde die erste automatisch verkürzt ohne verknotet oder abgeschnitten worden zu sein.

„Seht her!“, sagte der König. „Wir sollten die Meinung eines anderen weder antasten noch beschneiden, sondern nur unsere eigene Schnur daneben spannen. Dann möge der andere entscheiden, was länger und was kürzer, was besser oder schlechter ist. Wir sollen nicht für den anderen entscheiden, wir sollten ihm nur unsere eigene Wahrheit darlegen.“

So geht die Geschichte.

Sie eignet sich gar in der (vor-)weihnachtlichen stressgeschwängerten Zeit zum gegenseitigen Vorlesen.

Sieht so aus, als ob man Turgenjew auch dahingehend verstehen kann.

Euch Allen eine gute Zeit

Euer

Hanswerner Herber